Öffentliche Tagung

Selbstvermessen: Ethik und Ästhetik veränderter Körperlichkeit

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Zum Thema

Wie „vermessen“ ist unser Umgang mit unseren Körpern? Wie verändern die zahlreichen neuen Möglichkeiten, Messdaten zum eigenen Leben zu sammeln, unsere Vorstellung von (normaler) Körperlichkeit, und wie lässt sich dies ethisch und künstlerisch reflektieren? Mit einfachen, teilweise nahezu unverzichtbar gewordenen Mitteln wie Smartphones und Wearables können heute verschiedenste Parameter – etwa die pro Tag gegangenen Schritte, die verbrauchten Kalorien, die Herzfrequenz, der weibliche Zyklus sowie die Dauer und Qualität unseres Schlafes, aber auch Risikokontakte wie etwa während der Covid-19-Pandemie — digital aufgezeichnet und analysiert werden. Ziel ist es dabei, über die Erfassung von Daten zu Erkenntnissen über sich selbst zu gelangen und dadurch zu einer optimierten Lebensweise zu finden. Dies kann die Förderung körperlicher oder psychischer Gesundheit oder den besseren Umgang mit bestehenden Erkrankungen betreffen, aber auch die Optimierung in verschiedenen anderen Lebensbereichen. Die kontinuierliche Vermessung des Selbst ist im Alltag angekommen, und ihre Verbreitung und Bedeutung für Individuen ebenso wie für die Gesellschaft nimmt stetig zu.

Nachdem der Deutsche Ethikrat sich in seinen Stellungnahmen „Big Data und Gesundheit – Datensouveränität als informationelle Freiheitsgestaltung“ (2017) und „Robotik für gute Pflege“ (2020) bereits mit einigen Aspekten der Selbstvermessung befasst hat, nimmt die Tagung vor allem die Veränderung des Selbst- und Menschenbildes durch den Einsatz solcher Techniken in den Blick. Veränderte Körperlichkeit ist damit als solche, aber auch in ihren Auswirkungen auf ganzheitliche oder primär auf das Geistige fokussierte Menschenbilder zu bedenken.

Gemeinsam mit Sachverständigen und dem Publikum beleuchtet der Deutsche Ethikrat den Stand der Entwicklung sowie künftige technische Möglichkeiten und diskutiert ethische, sozial-, kultur- und politikwissenschaftliche Aspekte. Hinzu kommen Erfahrungsberichte aus verschiedenen Anwendungskontexten. Weil gerade bei diesem Thema eine ästhetische Auseinandersetzung geboten ist, werden zudem die ethischen um künstlerische Perspektiven ergänzt.

Folgende Leitfragen stehen dabei im Mittelpunkt:

  • Welchen Einfluss haben tragbare diagnostische Geräte auf Individuen und ihre Umwelt?
  • Wie ändert sich das Verhältnis des Menschen zum Körper als Bestandteil seines Selbst durch die Nutzung von Technologien zur Selbstvermessung?
  • Könnte es durch die verstärkte Orientierung an messbaren Daten zu einem Verlust an direkter Körperwahrnehmung kommen?
  • Wie kann der Entstehung eines Leistungsdrucks, sich an ein (vermeintliches) Ideal anzugleichen, entgegengewirkt werden?
  • Wie soll mit der prognostischen Unsicherheit der gewonnenen Daten umgegangen werden?
  • Wie verhalten sich Potenziale des Autonomiezugewinns und Risiken des Souveränitätsverlusts zueinander?

Die Veranstaltung wird online unter https://www.ethikrat.org/live übertragen und ist frei zugänglich. Für Hörgeschädigte wird eine Untertitelung angeboten.

Teilnehmende sind herzlich eingeladen, während der Veranstaltung das Online-Fragemodul zu nutzen, um sich in die Diskussion einzubringen, oder auf Twitter unter #Selbstvermessen mitzudiskutieren.

Programm

10:00 Begrüßung
Alena Buyx · Vorsitzende des Deutschen Ethikrates
  I. NORMATIVE UND WISSENSCHAFTLICHE EINORDNUNG
10:05 Nonverbales Verhalten als Gegenstand von Selbstdiagnostik
Hedda Lausberg · Neurologin & Tanztherapeutin
10:25 Selbstvermessung in ungleichen Gesellschaften – Wo liegen Vulnerabilitäten?
Verina Wild · Medizinethikerin
10:45 Selbstvermessung als Strategie der Selbstoptimierung?
Anja Röcke · Sozialwissenschaftlerin
11:05 Unantastbar? Die Würde des Körpers in der Demokratie
Hedwig Richter · Historikerin
11:25 Kaffeepause
11:40

Diskussion
Hedda Lausberg · Neurologin & Tanztherapeutin
Hedwig Richter · Historikerin
Anja Röcke · Sozialwissenschaftlerin
Verina Wild · Medizinethikerin

Moderation: Kerstin Schlögl-Flierl · Mitglied des Deutschen Ethikrates

12:30 Mittagspause
  II. ETHISCHE UND ÄSTHETISCHE PERSPEKTIVEN
13:30 Film-Einspieler
13:40

Erfahrungsberichte
Mathis Kleinschnittger · Tänzer & Choreograf
Eckart Altenmüller · Musikmediziner
Sascha Huber · Fitness-Blogger (angefragt)

Moderation: Hans-Ulrich Demuth · Mitglied des Deutschen Ethikrates

14:30 Sein zum Zählen – Die kryptoreligiöse Dimension des Quantified Self
Jörg Scheller · Kunstwissenschaftler & Bodybuilder
14:45 Gespräch
Petra Bahr · Mitglied des Deutschen Ethikrates
Jörg Scheller · Kunstwissenschaftler & Bodybuilder
15:15 Zwischen Normierung und Selbstbestimmung – Wie Konsumprodukte uns takten
Wolfgang Ullrich · Kunsthistoriker & Kulturwissenschaftler
15:30 Körperwissen im Zeitgenössischen Tanz – Strategien der Selbstverortung
Ludger Orlok · Choreograf & Tänzer
16:00 Kaffeepause
16:15

Diskussion
Ludger Orlok · Choreograf & Tänzer
Wolfgang Ullrich · Kunsthistoriker & Kulturwissenschaftler

Moderation: Steffen Augsberg · Mitglied des Deutschen Ethikrates

17:35

Resümee
Steffen Augsberg · Mitglied des Deutschen Ethikrates
Kerstin Schlögl-Flierl · Mitglied des Deutschen Ethikrates

17:55 Schlusswort
Alena Buyx · Vorsitzende des Deutschen Ethikrates
18:00 Ende