Impfen als Pflicht?

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Impfungen gehören zu den erfolgreichsten Vorsorgemaßnahmen der Medizin. Vor allem gegen viele durch Viren verursachte, auch heute noch nur symptomatisch behandelbare Infektionskrankheiten sind Impfungen die wichtigste Präventionsmöglichkeit, die vor potenziell schwerwiegenden gesundheitlichen Gefahren schützen kann. Wie das Beispiel der Pocken zeigt, lassen sich mit konsequent und weltweit durchgeführten Impfprogrammen manche Krankheitserreger sogar vollständig ausrotten.

Trotz ihres erheblichen und unbestreitbaren Nutzens gibt es in der Bevölkerung auch Vorbehalte gegen Impfungen, die vor allem von der Furcht vor gravierenden Nebenwirkungen bestimmt sind. Das Beispiel der Masern zeigt, dass diese Vorbehalte in Verbindung mit individueller Nachlässigkeit bei der Sorge um den eigenen Impfschutz oder den von Kindern internationalen Anstrengungen zur Eindämmung von Infektionskrankheiten entgegenstehen. So kommt es in Europa trotz einer groß angelegten WHO-Kampagne zur Ausrottung der Masern immer wieder zu lokalen Ausbrüchen. In Deutschland steigt die Zahl der gemeldeten Masernfälle in den vergangenen Jahren tendenziell leicht an, weshalb schon heute absehbar ist, dass der von Bund und Ländern initiierte „Nationale Aktionsplan 2015-2020 zur Elimination der Masern und Röteln in Deutschland“ sein Ziel nicht erreichen wird.

Der Deutsche Ethikrat nimmt den Fall der Masern zum Anlass, den generellen Gründen für das Scheitern nationaler und internationaler Impfprogramme nachzugehen und zu fragen, welche regulatorischen Maßnahmen zur Durchsetzung von Impfzielen ethisch und rechtlich akzeptabel beziehungsweise sinnvoll sind. Tatsächlich hat nämlich jede individuelle Entscheidung für oder gegen eine Impfung, sofern diese eine von Mensch zu Mensch übertragbare Krankheit betrifft, eine ethische Dimension. Wer durch eine Impfung Immunität gegen eine übertragbare Krankheit erwirbt, schützt damit auch andere, ebenso wie derjenige, der sich gegen eine Impfung entscheidet, damit potenziell andere gefährdet. Weiterhin gibt es auch Ärztinnen und Ärzte, die sich im Umgang mit den ihnen anvertrauten Familien bewusst nicht an öffentliche Impfempfehlungen halten. Die geplante Stellungnahme des Deutschen Ethikrates soll insbesondere die folgenden Fragen beantworten:

  • Welche Gründe sind maßgeblich für die skeptische Haltung gegenüber Impfungen in Teilen der Bevölkerung und wie sind sie zu bewerten?
  • Welche Eingriffe in die Selbstbestimmung eigenverantwortlich entscheidender erwachsener Personen lassen sich im Hinblick auf das Allgemeinwohl ethisch und rechtlich rechtfertigen, und welche dieser Eingriffe scheinen geeignet, die bestehenden Impflücken zu schließen?
  • Welche Eingriffe in das elterliche Sorgerecht und die ärztliche Therapiefreiheit lassen sich ethisch und rechtlich rechtfertigen, und welche davon scheinen geeignet, eine höhere Impfrate bei Kindern zu erzielen?
  • Wäre eine gesetzliche Impfpflicht ethisch und rechtlich akzeptabel, und welches Spektrum an Sanktionen stünde zur Verfügung, um sie durchzusetzen?

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